Wir wollen nun Integrale berechnen. Oft lässt sich nicht analytisch lösen (z.B. elliptisches Integral beim Pendel) oder wir kennen nur an einzelnen Punkten → numerische Approximation.
Note: Wir stellen uns vor, dass jede Auswertung von teuer ist → wir wollen mit möglichst wenigen Funktionsauswertungen möglichst genau sein.
In Python: scipy.integrate.quad (adaptiv, QUADPACK). Selbst implementiert werden meist Trapez- und Simpson-Regel.
5.3 Grundbegriffe und -ideen
5.3.1 Quadraturformel
Quadraturformel (Def. 5.3.1)
Das Integral wird durch eine gewichtete Summe von Funktionswerten approximiert:
wobei die Gewichte und die Knoten der Quadraturformel sind.
Fehler (Def. 5.3.2)
Algebraische Konvergenz: , . Exponentielle Konvergenz: , .
Note: Das ist die Riemann-Summe aus der Analysis, nur dass wir jetzt frei wählen, wo wir auswerten () und wie stark wir jeden Wert gewichten ().
- links, rechts, Mitte, … → das sind verschiedene Wahlen von
- die Wahl der und entscheidet, wie gut die Formel ist
5.3.2 Idee: Ersetze durch etwas Einfacheres
Wir approximieren durch eine Funktion, die wir exakt integrieren können → meistens ein Polynom mit (Interpolation, Kap. 2):
Repetition Lagrange-Basis (Kap. 2.3): Zu Knoten sind die Lagrange-Polynome
Sie bilden eine Basis von den Polynomen vom Grad , und das Interpolationspolynom ist einfach
Note: Kardinalbasis = eine Basis mit genau dieser Eigenschaft (” an meinem Knoten, an allen anderen”).
→ die Koeffizienten in dieser Basis sind direkt die Funktionswerte , man muss kein Gleichungssystem lösen (anders als bei der Monombasis / Vandermonde-Matrix).
- wie im : der -te Eintrag eines Vektors ist seine Koordinate.
Quadraturgewichte aus den Lagrange-Polynomen (Bem. 5.3.7)
Integriert man das Interpolationspolynom, erhält man eine Quadraturformel mit Knoten und Gewichten
Diese Formel ist exakt für alle Polynome vom Grad .
Proof: Linearität des Integrals:
Ist selbst ein Polynom vom Grad , dann ist (Eindeutigkeit der Interpolation) → exakt.
Note: Warum ist das Lagrange? / Sind die durch die Knoten festgelegt? → Ja. Fixiert man Knoten und verlangt, dass die Formel alle Polynome vom Grad exakt integriert, dann gibt es genau eine Wahl der Gewichte, und zwar :
- setze ein: (Kardinaleigenschaft!) und das muss sein.
- die Gewichte sind also nicht die “Polynomkoeffizienten”, sondern die Integrale der Basisfunktionen. Die “Koeffizienten” sind die .
Fehlerschranke (Bem. 5.4.1)
Für und Interpolation mit Knoten (Grad ):
→ Zwei Dinge sind wichtig: die Glattheit von und die Länge des Intervalls. Kurzes Intervall = kleiner Fehler → nächste Idee.
5.3.3 Teile und Herrsche (summierte Quadratur)
Wir teilen in Teilintervalle der Länge , , und wenden auf jedem eine einfache Formel an:
Note: Lokaler Fehler , davon gibt es Stück → globaler Fehler . Beim Aufsummieren geht ein Faktor verloren.
Note: Man muss die Teilintervalle nicht gleich gross machen: dort, wo stark variiert (gross ), feiner unterteilen → adaptive Quadratur (Kap. 5.6).
5.3.4 Referenzintervall
Man definiert Quadraturformeln einmal auf (Knoten , Gewichte ) und bildet sie affin auf jedes ab:
5.3.5 Ordnung
Ordnung (Def. 5.3.8)
Eine Quadraturformel hat Ordnung , wenn sie alle Polynome vom Grad exakt integriert (und nicht mehr).
Note: Ordnung exakt bis Grad . Hat eine Formel Ordnung , ist sie auch für Grad exakt; man gibt immer das grösste solche an.
- Warum ""? Ein Polynom vom Grad hat Koeffizienten → Ordnung = Anzahl Freiheitsgrade, die man exakt trifft.
- Prüfen in der Praxis: setze ein, das erste falsche Monom gibt Ordnung .
5.3.6 Symmetrische Formeln
Symmetrisch (Def. 5.3.9)
Eine Quadraturformel auf heisst symmetrisch, falls
(Knoten spiegelbildlich um , gespiegelte Knoten haben gleiche Gewichte).
Ordnung symmetrischer Formeln (Satz 5.3.11)
Die Ordnung einer symmetrischen Quadraturformel ist gerade.
Proof (Idee): Angenommen, die Formel ist exakt bis Grad . Sei , schreibe mit .
- wird nach Annahme exakt integriert.
- ist ungerade: .
- Die Formel liefert auch : Paare mit gleichem Gewicht geben (und ein Knoten bei gibt ).
- Linearität von → .
Also bekommt man Grad gratis → die Ordnung springt von auf , ist also gerade.
5.4 Äquidistante Stützstellen
Die drei wichtigsten Formeln (alle symmetrisch, Bem. 5.3.10), mit :
| Mittelpunkt | Trapez | Simpson | |
|---|---|---|---|
| Knoten | |||
| Gewichte | |||
| interpoliert durch | Konstante | Gerade | Parabel |
| exakt bis Grad | |||
| Ordnung | |||
| summiert: Fehler |
5.4.1 Mittelpunkt-Regel
Mittelpunkt-Regel
Note: Interpoliert nur durch eine Konstante (1 Knoten → exakt für Grad ), hat aber trotzdem Ordnung 2, denn sie ist auch für lineare exakt:
- links von ist das Rechteck zu hoch, rechts zu tief (oder umgekehrt) → die beiden Dreiecke sind gleich gross und heben sich auf (siehe Bild oben).
- das ist genau Satz 5.3.11 mit Knoten: Ordnung und gerade .
- Mittelpunkt = Gauss-Quadratur mit Knoten (Kap. 5.5).
5.4.2 Trapez-Regel
Trapez-Regel
Fehler: für ein .
Wir legen eine Gerade durch und und integrieren diese:
Note: Das ist “Startwert + Steigung zurückgelegter Weg”: ist die Steigung, der Abstand von . Check: , .
- In der Lagrange-Form: und → die Gewichte.
- Fläche unter der Geraden = Trapez mit Breite und mittlerer Höhe .
Note: 2 Knoten, symmetrisch → Ordnung (Grad exakt, nicht). Der Fehler ist etwa doppelt so gross wie bei Mittelpunkt und hat das umgekehrte Vorzeichen (Mittelpunkt: , Standardresultat, nicht im Skript).
5.4.3 Simpson-Regel
Simpson-Regel
Fehler: für ein .
Note: Parabel durch → exakt bis Grad , also Ordnung . Symmetrisch → Ordnung gerade → Ordnung 4, d.h. exakt bis Grad .
- ist ungerade bzgl. → beide Seiten heben sich auf, die Formel bekommt Grad gratis.
- wird nicht mehr exakt integriert: auf gibt Simpson , das Integral ist .
5.4.4 Summierte Formeln
Mit , :
Summierte Mittelpunkt-, Trapez- und Simpson-Regel
Note: Innere Knoten gehören zu zwei Teilintervallen → ihr Gewicht verdoppelt sich (Trapez: ). Simpson braucht Auswertungen.
Fehler summierte Trapezregel: .
Konvergenz der summierten Formeln (Satz 5.4.4)
Basiert auf einer lokalen Formel der Ordnung , dann gibt es mit
→ Die Ordnung sieht man im log-log-Plot als Steigung. Aber: nur wenn glatt genug ist! Für (Knick bei ) kommen alle Formeln nur auf .
import numpy as np
def trapezoidal(f, a, b, N):
x, h = np.linspace(a, b, N + 1, retstep=True)
return h / 2 * (f(x[0]) + 2 * np.sum(f(x[1:-1])) + f(x[-1]))
def simpson(f, a, b, N): # N Teilintervalle, 2N+1 Punkte
x, h = np.linspace(a, b, 2 * N + 1, retstep=True) # h ist hier schon (b-a)/(2N)
return h / 3 * (f(x[0]) + 4 * np.sum(f(x[1::2])) + 2 * np.sum(f(x[2:-1:2])) + f(x[-1]))(Skript Code 5.4.6 / 5.4.7)
Note: Überraschung (Bsp. 5.4.8): Für periodische, analytische über eine ganze Periode konvergiert die summierte Trapezregel exponentiell (nicht nur ).
- Grund: ist exakt für mit (das ist dieselbe Rechnung wie bei der DFT, Kap. 3.2).
- nur über eine Teilperiode (z.B. ) → wieder algebraisch.
Note: Newton-Cotes höherer Ordnung nicht verwenden (Bem. 5.4.13): Mehr äquidistante Knoten = Interpolation hohen Grades auf äquidistanten Punkten → Runge-Phänomen. Ab 9 Knoten gibt es negative Gewichte → Auslöschung. In der Praxis nur Mittelpunkt, Trapez, Simpson (summiert), sonst Gauss / Clenshaw-Curtis.
5.4.5 Ausblick: Endpunkte als Knoten (Radau, Lobatto)
Mit frei wählbaren Knoten ist die maximale Ordnung (Gauss, Satz 5.5.2). Fixiert man Endpunkte als Knoten, verliert man Freiheitsgrade (Bem. 5.5.11):
| fixe Knoten | max. Ordnung | Beispiel | |
|---|---|---|---|
| Gauss | keine | Mittelpunkt (, Ordnung ) | |
| Radau | ein Endpunkt | ||
| Lobatto | und | Trapez (, Ordnung ), Simpson (, Ordnung ) |
→ Trapez und Simpson sind die Lobatto-Formeln mit bzw. Knoten, Mittelpunkt ist keine (enthält nicht), sondern Gauss.