6.1 Differentialrechnung

5.1 Differenzquotient

Sei , . Sei und enthält keinen isolierten Punkt, d.h. ist ein Häufungspunkt von.
Der Differenzquotient ist dann

5.2. Ableitung

Aus dem Differenzquotient wird die Ableitung (auch Differentialquotient). Die Ableitung von an der Stelle ist gegeben durch (sofern der Grenzwert existiert):

Diese Größe ist gleichbedeutend mit der momentanen Änderungsrate, der Steigung der Tangente.

5.3 Ableitungsfunktion

Die Ableitungsfunktion ist gegeben durch

Sie ist also an jedem Punkt gleich der Ableitung der Stammfunktion.

Differenzierbar

Falls für die Ableitung an der Stelle existiert, so nennen wir an der Stelle differenzierbar.

5.5 Differenzierbar stetig

Ist and differenzierbar, so ist in stetig.

Proof: Wir wollen zeigen dass gilt wenn in differenzierbar ist.

  1. (Variable change, )
  2. (da in ableitbar ist)

5.6 Links/rechtsseitig Ableitbar

Falls der Grenzwert

existiert, nennt man diesen die rechtsseitige Ableitung und an der Stelle rechtsseitig differenzierbar.

Note, the Van der Waerden function that is continuous in all points but not differentiable anywhere:

5.7 Höhere Ableitungen

Sei eine Funktion.
Iterativ definieren wir die höheren Ableitungen:

Falls existiert, nennt man -fach differenzierbar.

5.7.b) Höhere stetige Ableitungen

Falls die -ten Ableitungen auch noch stetige Funktionen sind, nennen wir n-fach stetig differenzierbar.
Die Menge aller -fach stetig differenzierbaren Funktionen auf bezeichnen wir mit .

5.7.c Glatte Funktionen

Sei .
Die Funktionen in nennen wir glatte Funktionen.

Note, wird die Menge aller auf stetigen Funktionen bezeichnet.

6.1.0,5 Carathéodory

Wir können Differenzierbarkeit auch auf eine andere Weise schreiben, welche oft nützlich ist.

Carathéodory

Sei in Differenzierbar. Dann existiert eine um stetige Funktion , sodass

wobei gilt .

Explizit konstruiert wird durch:

Intuition: ist die Steigung der Sekante von und . Und für gilt, dass die Steigung genau gleich ist (Definition Ableitung).

6.1.1 Ableitungsregeln

5.8 Summen und Multiplikationsregeln

Es seien zwei an der Stelle -fach differenzierbare Funktionen. Dann ist und an der Stelle ebenfalls -fach differenzierbar, und es gilt

und

Intuitiv Die Summenregel macht sinn, weil Addition nicht die steigung, nur die “absolute höhe” ändert.

Proof: (Addition) für und an differenzierbar

  1. (einsetzen)
  2. (Summenregel für Grenzwerte)
  3. .
    Dann per Induktion für .

5.9 Kettenregel

Es sei differenzierbar an der Stelle und es sei differenzierbar an . Dann ist an der Stelle differenzierbar und es gilt

Proof: Wir beweisen die Kettenregel.

  1. Carathéodory’s Criterion: differenzierbar in Funktion , stetig in sodass

dies sieht man leicht, da durch dividieren der Differentialquotient rauskommt.
Außerdem sei angemerkt, laut limes von .
2. Da und an und differenzierbar sind gilt laut Carathéodory:
und
3. Dann setzen wir ein
4. Dann setzen wir ein für

  1. Nun sei dann gilt und laut Carathéodory (andere Richtung) gilt dass differenzierbar in ist.
  2. Dann gilt also .

Carathéodory (Imamoglu)

differenzierbar in Funktion , stetig in sodass

wobei wo die “Fehlerfunktion” der linearen Approximation ist.
Es gilt , der Fehler ist also .

Die Funktion unterscheidet sich von einem normalen Fehlerterm dadurch, das sie von abhängt.

5.11 Ableitung der Umkehrfunktion

Sei stetig und bijektiv, mit ebenfalls stetig. Sei ein Häufungspunkt von , und differenzierbar an mit .

Dann ist an der Stelle differenzierbar, und es gilt

Intuition Die Umkehrfunktion ist die Funktion an der Achse gespiegelt. Daher gilt für die Tangente (also Ableitung) das gleiche.

Proof: Wir können annehmen, dass auf stetig ist, laut 5.3 Stetigkeit Theorem 4.28.

  1. Für alle gilt
  2. Wir differenzieren beide Seiten am Punkt
  3. Dann gilt für also und da laut Annahme, können wir dividieren.
  4. Also erhalten wir

Es sei angemerkt, dass wir hier noch beweisen müssten, dass an ableitbar ist.

Hier sind einige Ableitungsregeln noch einmal zusammengefasst:

KategorieFunktionAbleitung
Konstante
Lineare Funktion
Potenzfunktion
Exponentialfunktion (Basis )
Exponentialfunktion (beliebige Basis),
Natürlicher Logarithmus
Allgemeine Logarithmusfunktion
Sinus
Cosinus
Tangens
Sinus hyperbolicus
Cosinus hyperbolicus
Arcussinus
Arcuscosinus
Arcustangens
,

Beispiel: Ableitung der Exponentialfunktion. Wir wollen zeigen, dass .

  1. Wir wissen laut Taylor-Expansion und das “Potenzreihen termweise abgeleitet werden dürfen”.
  2. Also gilt
  3. Der 1. Term wird zu abgeleitet und daher gilt .

Alternativer Beweis: Es gilt

weil gilt .

Proof:

  • by definition, they are inverse
  • Wir differenzieren:
  • Thus
  • But we know bijektiv
    • thus s.t
  • Therefore for

Proof: für gilt

  • ,
  • wo and
  • Dann gilt

6.1.1,5 Ableitungen Trigonometrische Funktionen (Imamoglu)

Derivative of

For ,

Proof: Restrict to , where , so is strictly increasing and bijective onto .

  • inverse function rule gives where
  • Since ,
  • .

Derivative of

For ,

Proof: Restrict to , where , so is strictly decreasing and bijective onto

  • The inverse function rule gives where
  • Since ,
  • .

Derivative of

For all ,

Proof: Restrict to , where , so is strictly increasing and bijective onto .

  • The inverse function rule gives where
  • From the identity
  • .

6.1.2 Extrema

5.12 Lokale Extrema

Sei und .

  • ist ein lokales Maximum, falls mit für alle . Der Wert heisst lokaler Maximalwert.

  • Ist die Ungleichung strikt, heisst isoliertes lokales Maximum.


  • ist ein lokales Minimum, falls mit für alle . Der Wert heisst lokaler Minimalwert.

  • Ist die Ungleichung strikt, heisst isoliertes lokales Minimum.

heisst lokale Extremalstelle (lokales Extremum) von , falls dort ein lokales Minimum oder Maximum besitzt. Der Wert heisst lokaler Extremwert.

Note, Lokale Extrema sind nur in isolierten Punkten interessant. Für eine Funktion mit einer “Stiege” und danach flach, ist es nicht interessant, das an den flachen auch lokale minima / maxima sind.

Note, es kann mehrere globale Minima / Maxima für eine Funktion geben, sofern sie alle den gleichen Minimalwert annehmen.

5.13 Notwendige Bedingung für Extrema

Sei , differenzierbar an der lokalen Extremalstelle , und sei Häufungspunkt von und von .

Dann gilt .

Proof: O.B.d.A. sei eine lokale Minimumstelle. Dann existiert ein sodass .

  1. Rechtsseitig: Sei . Dann gilt und , also .

    1. Da ein Häufungspunkt von ist, existiert eine Folge mit .
    2. Da in differenzierbar ist, konvergiert der Differenzenquotient gegen , und wegen der Monotonie des Grenzwerts folgt .
  2. Linksseitig: Sei . Dann gilt und , also .
    Da ein Häufungspunkt von ist, existiert analog eine Folge mit . Analog folgt also

  3. Aus und folgt .

Lokale Extremalstellen auf einem Intervall (Prop 5.14)

Sei ein Intervall, , und eine lokale Extremalstelle von . Dann gilt mindestens eine der folgenden Aussagen:

  1. ist ein Endpunkt des Intervalls
  2. ist an nicht differenzierbar
  3. ist an differenzierbar und es gilt

Stellen, an denen , nennt man kritische Punkte (oder stationäre Punkte).

Prop 5.14 sagt: Extremalstellen im Inneren eines Intervalls sind stets kritische Punkte — aber nicht jeder kritische Punkt ist eine Extremalstelle. Anders gesagt: nur weil heißt das noch nicht, das an f auch ein lokales Extremum hat. Siehe .
d.h. ist ein lok. Extremum .

First Derivative Test (Imamoglu)

Sei , , und ist in differenzierbar.

  1. Falls , gibt es mit

und

  1. Falls , gibt es mit
  1. Falls in ein lokales Extremum besitzt, folgt dass .
    Note, dies gilt nur für Links- und Rechtsseitger Akkumulationspunkt von (ein Rand-extrema muss nicht Steigung haben…)

Proof: (3) Annahme:

  • in differenzierbar in stetig sodass gilt .

  • Es gilt per Annahme

  • Da in stetig ist s.t. :

  • Sei dann s.t.


    • Heißt also, in der -Umgebung von . Ergo die Funktion hat dort einen Sattelpunkt (links ist negativ und recht positiv links bergab, rechts bergauf).

6.1.3 Kritische Punkte (Imamoglu)

Kritischer Punkt

Ein kritischer Punkt einer Funktion ist ein Punkt an dem gilt oder undefiniert ist.

6.2 Mittelwertsätze und Anwendungen

6.2.1 Mittelwertsätze

5.15 Satz von Rolle

Sei und stetig auf und differenzierbar auf . Falls , dann existiert ein mit

Proof: Da auf dem kompakten Intervall stetig ist, nimmt sie ihr Maximum und Minimum an (Min-Max Theorem or EVT).

  1. Falls eines davon im Inneren angenommen wird, muss dort gelten (nach Prop 5.13).
  2. Falls sowohl Maximum als auch Minimum auf dem Rand angenommen werden, folgt aus :

also für alle , d.h. ist konstant, und damit für alle .

5.16 Mittelwertsatz (MWS)

Sei und stetig auf und differenzierbar auf . Dann existiert ein mit

Intuitiv: Der Mittelwertsatz besagt: die momentane Änderungsrate an irgendeiner Stelle stimmt mit der durchschnittlichen Änderungsrate auf überein.

Proof: Der Beweis nutzt den Satz von Rolle auf einer “transformierten” Funktion.

  1. Betrachten wir die Hilfsfunktion wo .
  2. Dann gilt
  3. und .
  4. Thus und differenzierbar auf (a, b) da
  5. Laut des Satz von Rolle gilt also sodass
    Note .

Some conclusions we can draw from this:

  1. If two functions have the same derivative, they can only differ by a constant.
  2. derivative implies strict monotonicity.
  3. derivative implies monotonicity.

Cauchy-Mittelwertsatz (Satz 5.17)

Sei und stetig auf und differenzierbar auf . Dann existiert ein mit

Falls zusätzlich für alle , dann ist und

Proof: Man untersucht die Hilfsfunktion und wendet den Satz von Rolle an.

Intuitiv, es gibt einen Punkt an dem das Ratio der Ableitungen gleich dem Ratio also über das Interval ist.

6.2.1 Bernoulli-l’Hôpital

5.18 L'Hôpital Version 1 —

Sei und differenzierbar mit , für alle . Ausserdem sei

und der Grenzwert existiere.

Dann existiert auch und ist gleich .

Proof: Mit dem Cauchy-MWS können wir für wo geht, schreiben:

da gilt gilt im Limit auch

und weil für und für dann gilt haben wir

nach Annahme.

5.19 L'Hôpital Version 2 —

Wie Version 1, aber statt gelte

Dann gilt dasselbe Resultat: .

Proof: Da wir hier nicht einfach einsetzen können, verwenden wir einen Hilfspunkt nahe und wenden den Cauchy-MWS auf an.

  1. Sei . Wähle so dass gilt .
  2. Dann fixieren wir ein . Für wenden wir den Cauchy-MWS auf and und dann gibt es mit
  1. Dann erhalten wir durch Umformen (und dividieren durch ) das Folgende

wobei weil für gilt und .

Da beliebig war folgt

da liegt.

5.20 L'Hôpital Version 3 —

Sei und differenzierbar mit , für alle . Es gelte entweder

und der Grenzwert existiere.

Dann gilt .

Proof: Dieser Satz folgt durch Substitution direkt aus 1 und 2.

  1. Setze d.h. entspricht . Dann sei ,
  2. Also gilt und für analog.
  3. Also gilt entweder oder .
  4. Außerdem gilt

Damit sind alle Voraussetzungen für 1 oder 2 erfüllt, mit . Also folgt

Applying to non-indeterminate Form gives wrong results

L’Hôpital’s rule applies only to the indeterminate forms or . Applying it to a fraction that is not of this form gives wrong results.

Beispiel:
. But if you use l’Hôpital’s here, you get .

One-directional Implication

Es gilt nur . Das gilt nicht in die Andere Richtung.

Beispiel: as but has no limit!

6.3 Konvexität, Konkavität

Monotonie und Ableitung (Prop 5.21)

Sei ein Intervall und differenzierbar. Dann gilt

Konstante Funktionen (Prop 5.22)

Sei ein Intervall und . Dann ist genau dann konstant, wenn differenzierbar ist und für alle .

Wir können nur Konvexität und Konkavität mit Ableitungen in Verbindung bringen.

Konvexität (Def 5.23)

Eine Funktion heisst konvex auf dem Intervall , falls ihr Graph stets unterhalb der Verbindungsgeraden durch je zwei Punkte auf dem Graphen verläuft. Formal: für alle mit und :

Ist die Ungleichung strikt, heisst strikt konvex. heisst (strikt) konkav, falls (strikt) konvex ist.

Note, dies nutzt die parametrisierte Form einer Gerade. Für die Sekante von nach gilt (kind of linear scaling).
ist der “Stützpunkt” und wir skalieren dann linear die Differenz drauf.

Intuitiv: Wenn für alle Punkte von (geschrieben als ) gilt, dass
Sekante ist, so ist die Funktionskurve unter der Sekante convex!

Bemerkung: Die Konvexitätsbedingung ist äquivalent dazu, dass für alle gilt:

d.h. die Differenzenquotienten vom linken Rand sind stets kleiner als jene zum rechten Rand.

Intuitiv: Steigung von ist kleiner als . Falls die Steigung von kleiner wäre, gäbe es ja einen Sattelpunkt/Extremum dazwischen.

Konvexität und Monotonie der Ableitung (Prop 5.24)

Sei ein Intervall und differenzierbar. Dann ist auf genau dann konvex, wenn auf wachsend ist.

Proof:

  1. Sei wachsend und seien mit , . Der Mittelwertsatz liefert und mit

Da und wachsend: , also

was nach der obigen Bemerkung Konvexität bedeutet.

  1. Sei konvex und in . Für hinreichend kleines mit liefert die Konvexitätscharakterisierung:

Grenzübergang und Differenzierbarkeit von ergeben , also ist wachsend.

Konvexität und zweite Ableitung (Korollar 5.25)

Sei ein Intervall und zweimal differenzierbar. Dann ist auf genau dann konvex, wenn

Intuitiv: Die zweite Ableitung sagt uns etwas über die Krümmung der Funktion.

  • Eine Funktion ist konvex, wenn die Steigungsrate immer hochgeht (i.e. , also die erste Ableitung größer wird). Dann kann jede Sekante nur über der Funktionskurve liegen.

Proof: Dies gilt, da für direkt folgt, dass wachsend ist.

Side Note: Konvexität und minimieren sind eng verbunden. Für eine konvexe Funktion gilt: sie hat nur ein Minimum.

Tricks / Fallen

Monoton und Fallend/Wachsend

, siehe z.B. welche in einen Sattelpunkt hat.

Lokale Extremwerte

If and , then has a strict local maximum at .